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Tattoos auf dunkler Haut: Afroderm, das erste UK-Event

Besucherinnen und Besucher beim Afroderm Tattoo-Event in LondonAls stolzer Sponsor war Stories & Ink bei der ersten UK-Ausgabe von AFRODERM dabei: ein Fest für Schwarze Kunst, ihr Erbe und Tattoos auf dunkler Haut.

Gleich um die Ecke der Dalston Kingsland High Street in East London liegt Sang Bleu Tattoo. An einem normalen Tag geht hier ein steter Strom von Kundinnen und Kunden ein und aus. Doch an diesem sonnigen Augustwochenende summt der Raum mit einer ganz anderen Energie. Wir haben uns mit AFRODERM zusammengetan, um ihr allererstes Event in London zu unterstützen, und mit den Menschen gesprochen, die hier Geschichte schreiben: rund um Tattoos auf dunkler Haut.

AFRODERM wurde 2024 vom Pariser Tattoo-Artist Dimitri Andrew gegründet. Nach einem alles andere als zufriedenstellenden ersten Tattoo wusste Dimitri, dass sich etwas ändern muss. Die Branche musste lernen, wie man melaninreiche Haut tätowiert, und mehr über die traditionellen afrikanischen Wurzeln erfahren. „Ich liebe Bücher und Dokus. Und wir wissen so viel über Symbolik und Tätowieren in japanischen und polynesischen Kulturen. Aber über afrikanische Kultur konnte ich nichts finden. Als hätte man einen ganzen Kontinent ausradiert.“

Tattoo-Artist bei der Arbeit auf dunkler Haut beim Afroderm-Event

Über die Mission von AFRODERM sagt Dimitri: „AFRODERM ist in Bildung verwurzelt. Ich wusste, dass ich einen Raum schaffen muss, in dem Menschen lernen können, und sei es nur für zwei Tage. Ich wollte, dass die Leute in einem geschützten Raum ihre Geschichte kennenlernen. Und dass unsere Leute die Arbeit von Profis auf Haut sehen, die so aussieht wie ihre.“

Itonisha „Nish“ Rowe (@markedbynish) ist eine in Manchester geborene Tattoo-Artist, die in London lebt. Sie war letztes Jahr beim Pariser Event dabei und hat das großartige Line-up für das Londoner AFRODERM-Event zusammengestellt. „Ich habe es so geliebt. Ich bin auf Dimitri zugegangen und habe gefragt, ob ich eine Londoner Ausgabe auf die Beine stellen darf. Ich wusste, dass es eine Nachfrage gibt, wegen meiner Arbeit. Und wegen der Gespräche, die ich führe.“

„Wir vergessen gern, dass das Tätowieren und die Körpermodifikation ihren Ursprung auf melaninreicher Haut haben.“ Dimitri Andrew, Gründer von AFRODERM

Über die Zusammenarbeit mit Dimitri sagt Nish: „Es war ein wunderschöner Prozess. Wir haben stundenlang telefoniert, um alles auszuarbeiten. Dimitri konzentriert sich stark auf die Bildungsseite. Er liebt es, Artists zu helfen, zu verstehen, wie man Schwarze Haut tätowiert, und ihnen die vorkolonialen Praktiken der Körpermodifikation näherzubringen.“ Nish erzählt: „Ich konzentriere mich auf die Marke und den Austausch von Ideen, und darauf, mit wem wir zusammenarbeiten können, um wirklich etwas aufzubauen.“

Das hier ist mehr als nur eine Tattoo-Convention. An jedes Detail wurde gedacht, von den talentierten DJs, die Musik aus der Schwarzen Kultur auflegen, bis zum exklusiven Merch von AFRODERM und den Artists. Große Fotos von traditionellen Skarifizierungs- und Markierungsritualen schmücken die Wände. Auf einem ist eine stolze Fulani-Frau aus Mali zu sehen. Sie trägt ihr Tunpungalle mit Stolz: schwarz tätowierte Lippen, die Fulani-Frauen als Symbol für Weiblichkeit und Sinnlichkeit tragen.

Fotos traditioneller afrikanischer Körpermarkierungen an der Wand

Wohin man auch schaut: überall Kreativität und Verbundenheit. Und dieser Pop-up-Schrein für Schwarzsein und afrikanische Traditionen fühlt sich gleichzeitig wie eine Lektion und ein Nachhausekommen an. Dimitri sagt: „Wir vergessen gern, dass das Tätowieren und die Körpermodifikation ihren Ursprung auf melaninreicher Haut haben. So viele Schwarze Menschen sagen, ihre Haut sei zu dunkel für ein Tattoo. Und das bricht mir das Herz, weil unsere Leute das seit Jahrhunderten machen. Und jetzt heißt es, du kannst kein Tattoo haben, weil du dunkler bist? Das ist einfach das Ergebnis von jahrelangem Unsinn, der immer weitergetragen wurde.“

Es gibt viele Mythen über Tattoos auf dunkler Haut. Und leider haben sie sich in den Köpfen von Menschen festgesetzt, die Tattoos genauso verdienen wie alle anderen. Jade Clark (@clarktattoos) ist Tattoo-Artist in Manchester. „Mein Tattoo-Stil dreht sich um Traditional. Viele kräftige, schwarze Linien und Farbe, mit einem Twist, der Schwarze Kultur in den Mittelpunkt stellt.“ Wir haben Jade nach dem größten Mythos gefragt, den sie als Tätowiererin gehört hat. „‚People of Colour mit melaninreicher Haut können keine Farbe in ihren Tattoos haben.‘ Das wurde mir in meiner Ausbildung gesagt. Und man hat mir geraten, eher in Richtung Black and Grey zu gehen, weil meine Kundschaft das wollen würde. Aber ich glaube, ich habe ihnen das Gegenteil bewiesen.“

Farbiges Traditional Tattoo auf dunkler Haut von Jade Clark

Jades verspielte, fröhliche Energie spiegelt den Raum um sie herum wider. Sie sagt: „Ich fühle mich so geehrt, Teil dieses Events zu sein. Es ist so schön zu sehen, wie Menschen sich sofort über Kultur und gemeinsame Erfahrungen verbinden, gerade in der Tattoo-Welt. Diese Convention beweist, dass es in der Tattoo-Branche schon immer einen Platz für People of Colour gab. Und es ist einfach so schön, von Menschen umgeben zu sein und sich selbst in anderen wiederzuerkennen.“

Wir konnten eine von Jades treuen Kundinnen und Kunden abfangen, bevor es für das neue Tattoo auf die Liege ging. Meesh trägt eine Sammlung einzigartiger Designs, manche mit afrikanischen Elementen. Wir haben Meesh gefragt, was sie oder er von AFRODERM hält. „In diesem Raum zu sein und sich von einer Schwarzen Tattoo-Artist tätowieren zu lassen, ist einfach anders. Das habe ich in meinen gut 20 Jahren mit Tattoos noch nie erlebt. Das ist etwas Besonderes.“

Tattoo-Session beim Afroderm-Event bei Sang Bleu Tattoo

Zwischen zwei Terminen haben wir auch mit Emmanuel Uchenna Item (@emmanuel_item) über das Tätowieren gesprochen und darüber, wie seine nigerianischen Wurzeln seine Kunst prägen. „Ich mache hauptsächlich westafrikanisch inspirierte Tribal-Arbeiten. Viel Inspiration hole ich mir aus der Körpermodifikation. Aber auch aus Stoffen, Architektur und Kleidung.“ Emmanuel teilt Dimitris Frust über das fehlende kulturelle Bewusstsein in der Tattoo-Branche. „Mein Vater ist Nigerianer. Und als ich mit dem Tätowieren anfing, gab es keine Verbindung zwischen Nigeria und dem Tätowieren. Das war kaum bekannt. Also habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, westafrikanisch inspirierte Tattoos zu verbreiten, nicht nur in der Diaspora in Europa, sondern auch in Nigeria.“

Zu den Missverständnissen sagt Emmanuel: „Viele denken, dunkle Haut kann man nicht tätowieren. Oder dass auf dunkler Haut nicht alles funktioniert. Ich finde, alles funktioniert. Man muss sich nur anpassen, die Hautfarbe spielt keine Rolle.“ Aber ist das überall ein Problem? Emmanuel sagt: „Ich glaube, viele in der westlichen Tattoo-Welt, vor allem in Europa, haben gar nicht die Gelegenheit, auf Schwarzer Haut zu arbeiten. Sie sehen keine tätowierten Schwarzen Menschen. Also denken sie: ‚Okay, es gibt keine Tattoos auf Schwarzer Haut‘, und das führt in eine Abwärtsspirale.“

Westafrikanisch inspiriertes Tribal Tattoo auf dunkler Haut

Aber AFRODERM ändert das. So viele talentierte Schwarze Tattoo-Artists und begeisterte Kundinnen und Kunden an einem Ort zu sehen, fühlt sich riesig an. Hier entsteht eine selbstbewusste Community und ein Netzwerk von Menschen, die die afrikanischen Ursprünge des Tätowierens feiern. Und das ist erst der Anfang. Auf die Frage, wie es mit AFRODERM weitergeht, sagt Dimitri: „Ich würde gern wieder eine Convention in Paris veranstalten. Aber das Hauptziel ist, nach Afrika zu gehen, ins Mutterland.“

Ein Termin für die nächste UK-Ausgabe von AFRODERM steht noch nicht fest. Aber die Nachfrage ist da. Und die Community ist mehr als bereit, die Magie, das Erbe und die Exzellenz afrikanischer Tattoo-Kunst und Körpermodifikation in die Welt zu tragen.

Text: @claude_knight
Fotos: @hallieaduke

Community beim Afroderm Tattoo-Event in London