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Tattoo-Artist Itonisha Rowe: Werden durch Erschaffen

Porträt der Tattoo-Artist Itonisha Rowe

Aufgewachsen in den Neunzigern in Moss Side, Manchester, als das Viertel als einer der schlimmsten Orte Großbritanniens für Gangkultur und Waffengewalt galt: Die Geschichte der Tattoo-Artist Itonisha Rowe folgt nicht der glatten Erzählung klassischer Künstlerkarrieren. Sie ist vielschichtig, roh und zutiefst menschlich. Bevor das Tätowieren ihr Medium wurde, war Kunst ihre Flucht. Ein stiller Ort, um zu verarbeiten, zu träumen, neu aufzubauen.

Heute geht ihre Arbeit weit über Ästhetik hinaus. Sie erzählt von Identität, Herkunft und der Kraft, sich selbst auszudrücken, besonders für Menschen, die sich in der Branche nicht immer wiedergefunden haben. Was ihren Weg so fesselnd macht, ist aber nicht nur, was sie erschafft, sondern wie sie dahin gekommen ist: durch Neugier, Brüche und den unbeirrbaren Instinkt, dem zu folgen, was sich wahr anfühlt.

Das ist keine Geschichte darüber, wie man Tattoo-Artist wird. Es geht darum, man selbst zu werden.

Du hast darüber gesprochen, wie du in Moss Side aufgewachsen bist. Wie hat dich dieses Umfeld geprägt?

Es hat alles geprägt. Moss Side war in den Neunzigern auf dem Höhepunkt der Waffengewalt in Großbritannien, und die Männer in meiner Familie steckten tief in der Gangkultur, also war unser Zuhause direkt betroffen. Mit zwölf saß ich in einem Auto, das verfolgt und beschossen wurde. Niemand wurde verletzt, aber dieser Moment hat mein Leben und das meiner Familie für immer verändert. Wer so aufwächst, muss eine Art maskuline, beschützende Energie entwickeln, einfach um zu überleben. Die Frauen in meiner Gegend mussten anders gebaut sein. Aber es hat auch das Bedürfnis nach etwas Weicherem geweckt, nach einer anderen Welt. Da kam die Kunst ins Spiel.

Was hat dir die Kunst gegeben, bevor sie dein Beruf wurde?

Sie war meine Flucht. Mein Bruder ist dreizehn Jahre älter als ich und sitzt im Gefängnis, seit ich acht bin, also war ich zu Hause meistens allein, und meine Mum kämpft schon lange mit Alkoholismus. Ich habe viel Zeit allein verbracht. Zeichnen war meine Art, alles zu verarbeiten, was ich nicht laut sagen konnte, und mir ein anderes Leben vorzustellen. Ich habe mir neue Versionen davon ausgedacht, wer ich sein könnte. Ich wusste immer, dass ich Künstlerin werde, ich wusste nur nicht, dass es das Tätowieren sein würde.

Dein Weg zum Tätowieren war nicht klassisch. Wie bist du dazu gekommen?

Er war überhaupt nicht geradlinig. Mit neunzehn bin ich nach London gezogen, um Bildhauerei zu studieren, habe abgebrochen, kreative Informatik probiert, wieder abgebrochen. Ich habe im Einzelhandel und in der Gastro gearbeitet und eine Galerie für den Bildhauer Gavin Turk geleitet. Ich bin von Natur aus neugierig, also habe ich immer weiter Dinge ausprobiert. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich festlegen muss. Ich habe eine Liste mit allem geschrieben, was ich mir vorstellen konnte, und Tätowieren stand ganz oben. Ich habe informell über jemanden gelernt, mit dem ich damals zusammen war, und als das nach ein paar Monaten vorbei war, musste ich mich entscheiden: aufhören oder es mir selbst beibringen. Ich habe mich fürs Weitermachen entschieden.

Sieben Jahre später sind wir hier.

Itonisha Rowe bei der Arbeit im Tattoo-Studio

Du hast Tattoo-Artists mal als „Piraten am Rand der Gesellschaft“ beschrieben. Was meinst du damit?

Tätowieren hat immer am Rand gelebt. Die Leute, die es machen, die Leute, die sich tätowieren lassen, standen historisch außerhalb dessen, was die Gesellschaft für akzeptabel hält. Ich habe Polizeigewalt aus nächster Nähe erlebt und war deshalb schon früh gegen das Establishment, also hat mich diese Energie vom Rand total angezogen. Und ich glaube, Tattoo-Artists dürfen heute das Rockstar-Leben führen, das sich die Leute bei Rockstars vorstellen, das die aber eigentlich gar nicht mehr führen: ihr eigener Boss sein, reisen, machen, was sie wollen. Diese Freiheit hat sich für mich wahr angefühlt.

Deine Arbeit hat eine starke kulturelle Identität. War das von Anfang an so gewollt?

Am Anfang nicht. Als ich angefangen habe, war mir nicht mal klar, wie unterrepräsentiert Schwarze Tattoo-Artists in Großbritannien sind oder dass es kaum afrozentrische Flash gab. Als ich die Lücke einmal gesehen hatte, konnte ich sie nicht mehr übersehen. Moss Side ist ein überwiegend Schwarzes Viertel, dort findet der Manchester Carnival statt, diese Kultur liegt mir also im Blut. Ich habe angefangen, Flash zu zeichnen, die meine eigene Erfahrung widerspiegelt, und daraus ist alles gewachsen. Ich habe auch gelernt, dass in Afrika seit Tausenden von Jahren tätowiert wird, und die meisten Leute wissen das nicht. Jede Kultur hat ihre Tattoo-Tradition. Ich wollte, dass Schwarze Menschen Kunst auf ihrem Körper tragen, die ihre feiert.

Wie hat sich diese Sichtweise entwickelt?

Am Anfang fühlte es sich wie eine Mission an, und da steckte Frust dahinter. Es wurde politisch. Heute bin ich an einem anderen Punkt. Schwarze Kunst steht immer noch im Mittelpunkt meiner Arbeit, aber ehrlich gesagt möchte ich einfach, dass Menschen feiern, wer sie sind, egal woher sie kommen. Wenn ein weißer irischer Kunde seine keltischen Wurzeln feiern will, mache ich das auch total gern. Unsere Herkunft ist ein Teil davon, warum wir sind, wer wir sind.

Das verdient es, gewürdigt zu werden.

Du hast Tätowieren als mehr als ein Handwerk beschrieben. Was ist es heute für dich?

Es ist eine Sprache. Es hat mir geholfen, das Leben zu verarbeiten, als ich nicht sprechen konnte, und mich selbst zu verstehen. Aber ich habe den Blick geweitet und gemerkt, dass es nie wirklich ums Tätowieren ging. Es geht um Community. Darum, Menschen zu helfen, ihr wahrstes, authentischstes, rebellischstes Selbst zu werden. Ich baue gerade eine Firma auf, um das weiterzutragen: Workshops, Talks, dieses Jahr noch eine Afrodemic.

Tätowieren gehört immer noch dazu, aber es ist ein Werkzeug unter vielen.

Wenn du zurückblickst: Was würde dein jüngeres Ich heute über dich denken?

Sie wäre überrascht, dass ich Tattoo-Artist geworden bin, das stand nicht auf der Liste. Aber ich glaube, sie wäre stolz. Nicht so sehr auf das, was ich gemacht habe, sondern darauf, wer ich geworden bin. Die Heilung, das Wachstum, auf der anderen Seite von all dem zu stehen. Das ist die eigentliche Leistung.

Und wo stehst du gerade auf deinem Weg?

Ich lerne, sanfter mit mir selbst zu sein. Ich bin in einem harten Umfeld aufgewachsen und war lange hart zu mir selbst. Ich denke zu viel nach, bin zu viel in meinem Kopf. Gerade übe ich, mehr zu machen und weniger zu denken und mir selbst mehr Nachsicht zu schenken. Das ist unbequem, aber da stehe ich. Immer noch

im Werden.

Stories & Ink Poster mit Itonisha Rowe