
Paramedizinisches Tattoo, Medical Tattoo, Tattoo nach einer OP oder rekonstruktives Tattoo: All diese Begriffe beschreiben Tattoos, die Menschen helfen, Erfahrungen zu verarbeiten, die ihr körperliches Erscheinungsbild verändert haben.
Diese Form des Tätowierens ist relativ neu. Sie hat sich aus Techniken des Permanent Make-ups entwickelt, aber paramedizinische Tätowiererinnen und Tätowierer haben das Ganze auf ein neues Level gehoben.
Sie tätowieren realistische Brustwarzenhöfe (Areolen) für Menschen nach einer Mastektomie oder geschlechtsangleichenden OP, stellen die Hautpigmentierung in vernarbten Bereichen wieder her oder rekonstruieren sogar einen fehlenden Zehennagel. So helfen diese Artists ihren Kundinnen und Kunden, körperliche Eingriffe auch seelisch zu verarbeiten.
Diese Tattoos können Menschen wirklich helfen, sich wieder vollständiger zu fühlen. Um mehr über den Ablauf zu erfahren, haben wir mit der Tattoo-Artist Lynnea Kamyszek aus der Nähe von Vancouver gesprochen. Sie ist auf rekonstruktive paramedizinische Tattoos und klassisches Permanent Make-up spezialisiert ...

Ich heiße Lynnea und lebe in Coquitlam, einer Stadt direkt bei Vancouver in Kanada. Ich bin 25 Jahre alt und bin seit knapp 5 Jahren in der Tattoobranche. Angefangen habe ich 2017 mit Microblading für Augenbrauen. Seitdem konzentriere ich mich immer mehr auf den rekonstruktiven Bereich, mit komplett rekonstruktiv tätowierten Augenbrauen und rekonstruktiven Areola-Tattoos.

Was ist ein paramedizinisches oder rekonstruktives Tattoo?
In meinen eigenen Worten: Beim paramedizinischen Tätowieren nutzt man das Tattoo, um etwas zu ersetzen oder die Illusion zu erzeugen, dass wiederhergestellt ist, was ein Mensch einmal hatte oder vielleicht nie von Geburt an hatte. Ich habe schon alle möglichen neuen Varianten gesehen, von denen man nicht mal denken würde, dass es sie gibt. Bauchnäbel, Finger- und Zehennägel zum Beispiel werden gerade beliebter, weil sie mehr Aufmerksamkeit bekommen!

Was hat dich zu dieser Art des Tätowierens gebracht?
Schon als ich aufgewachsen bin, wusste ich, dass zwei Dinge Teil meines späteren Berufs sein sollten: Ich wollte Kunst erschaffen und damit etwas Positives bewirken.
Ich habe mich direkt mit 18 tätowieren lassen, und irgendwann fing es in meinem Kopf an zu arbeiten, dass das ein möglicher Weg für mich sein könnte!
Sprung ins Jahr 2020: Shaughnessy, deren Arbeit ich schon seit Jahren verfolgt hatte, hat mich eingeladen, Teil ihres Teams im Studio Sashiko zu werden. Ihre Arbeit war definitiv mein Einstieg in rekonstruktive und paramedizinische Tattoos.
Bei Sashiko habe ich immer mehr rekonstruktive Augenbrauen-Tattoos gemacht und mit einer Tattoomaschine plastische, realistische Brauen gestochen. Abgesehen davon, dass mir die Arbeit selbst mehr Spaß gemacht hat, hatte ich das Gefühl, dass die Arbeit und die Verbindung, die dabei entsteht, für meine Kundinnen und Kunden umso bedeutungsvoller war.
Später im Jahr 2021 habe ich angefangen, Shaughnessy bei ihren rekonstruktiven Areola-Tattoos über die Schulter zu schauen. Ich wusste, dass das der nächste große Schritt war, den ich gehen musste. Sobald ich unter ihrer Anleitung die ersten Models tätowiert habe, fühlte es sich ganz natürlich an. Genau dieses Umfeld hat mich motiviert, den nächsten Schritt zu gehen. Ich hätte zu keinem besseren Zeitpunkt in einer besseren Situation sein können.

Wie unterscheidet sich der Ablauf von einem klassischen Design-Tattoo?
Der Ablauf hat definitiv einige Unterschiede. Es können bestimmte Emotionen aufkommen, wenn man Teil eines Moments ist, der so einen großen Einfluss auf das Leben eines Menschen haben kann. Ob Krebs, Geschlechtsangleichung oder Autoimmunerkrankungen: Wenn man mit Kundinnen und Kunden über diese Themen spricht, braucht es ein gewisses Maß an Empathie und Mitgefühl. Eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, wenn sich jemand gerade sehr verletzlich fühlt, ist extrem wichtig.
Normalerweise werden die Designs direkt auf der Haut von Hand vorgezeichnet. Weil wir wiederherstellen, was vielleicht einmal am Körper war, soll es sich an die Person anpassen und natürlich wirken. Das lässt sich nicht immer mit einer Schablone übertragen.
Referenzfotos sind immer willkommen, egal ob von den eigenen Areolen vor der OP oder Wunschvorlagen aus dem Internet! Man kann auch ein bisschen Spaß dabei haben, es muss nicht immer ernst sein. (Warum nicht herzförmige Areolen, wenn man sowieso neu anfängt?!)
Ein weiterer großer Unterschied ist die Haut, auf der man arbeitet. Manche Haut ist stärker vernarbt, wurde bestrahlt oder ist sogar Spenderhaut. Sie alle reagieren beim Tätowieren unterschiedlich. Jede Kundin und jeder Kunde bringt eine neue, einzigartige (und willkommene) Herausforderung mit.

Wie verändern Medical Tattoos das Leben deiner Kundinnen und Kunden?
Die Gefühle direkt beim Termin und auch danach können überwältigend sein!
Wir sehen definitiv einige Freudentränen, und ich bin eine, die da schnell mitweint. Nach dem, was mir meine Kundinnen und Kunden erzählen, bedeutet es mehr, als Worte beschreiben können, ein Stück von sich zurückzubekommen, auch wenn es rein optisch ist. Ich hatte Kundinnen, die mir erst erzählt haben, dass sie sich nach dem Duschen nicht gerne ansehen, und die sich nach dem rekonstruktiven Tattoo mehr denn je im Spiegel betrachten.
Rekonstruktive Tattoos können Menschen helfen, nach verschiedenen Erfahrungen mit etwas abzuschließen. Der Kopf ist wirklich so mächtig: Zu sehen, dass ein Körperteil wieder „vollständig“ aussieht, so wie früher, kann seelisch enorm bei der Heilung helfen. Es ist eine wunderschöne Erfahrung, daran teilhaben zu dürfen. Ich bin immer so dankbar, auf diese Weise in den Heilungsweg eines Menschen aufgenommen zu werden.

Was sind deine nächsten Schritte als Artist?
Für meine nächsten Schritte als Artist gibt es so viele Wege, und ich bin immer hin- und hergerissen, welchen ich gehen soll. Mein Herz zieht mich zu mehr Tätowieren, ich will immer mehr daraus machen.
Ich würde sehr gerne ein rekonstruktives Tattoo für eine Person nach einer Mastektomie machen und dabei wunderschöne florale Motive um die Narben herum gestalten, damit ein richtig schönes Gesamtkunstwerk entsteht. Nebenbei tätowiere ich schon eine Weile kleinere Realism-Motive, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das weiterentwickelt.
Alles passiert dann, wenn es passieren soll, und wenn man Mühe und Leidenschaft reinsteckt, kommt der Rest von allein.