Sean Colgrave hat den Bürojob gegen das Tätowieren getauscht, und dabei ist es nicht geblieben. Jetzt will er Tattoos in Galerien bringen und Tattookultur mit bildender Kunst verbinden.

Sind Tattoos Kunst? Für den Tattoo-Artist Sean Colgrave aus Nottingham ganz klar ja. Von königlichen Freundschaftstattoos bis zu Cover-ups von Bergarbeitern: Seine Ausstellungen schreiben Tattoogeschichte neu. Wir haben mit Sean darüber gesprochen, wie seine letzte Ausstellung im Mansfield Museum entstanden ist und was als Nächstes kommt.
Warum hast du Anzug und Krawatte gegen eine Tattoomaschine getauscht?
Ehrlich gesagt bin ich ziemlich spät zum Tätowieren gekommen. Ich war 30, als ich meine Ausbildung angefangen habe. Ich hatte mich jahrelang die Karriereleiter hochgearbeitet, es absolut gehasst und hatte einen Zusammenbruch. Dann war ich bei meinem Stamm-Tattoo-Artist, mit dem ich zur Schule gegangen bin. Er heißt Dan Phillips (danphillipstattoo) und arbeitet in Tamworth. Wir haben gequatscht und ich meinte: „Mann, ich wünschte, ich wäre mit 18 Tätowierer geworden. Ich wünschte, ich könnte das.“ Und er so: „Alter, wir hatten zusammen Kunst, ich weiß, dass du zeichnen kannst. Mach es einfach.“

Ich habe damals in Nottingham gewohnt (tue ich immer noch), konnte also nicht bei ihm lernen. Aber er hat mir geholfen, ein Portfolio zusammenzustellen. 2018/19 habe ich meine Ausbildung bekommen und sie ein paar Jahre gemacht. Dann kam Corona. Schlechter hätte das Timing nicht sein können. Ich war gerade mit der Ausbildung fertig und wollte mir etwas Eigenes aufbauen. Und plötzlich hieß es: „Ihr dürft 18 Monate nicht tätowieren.“ Das war furchtbar. Nach der Wiedereröffnung habe ich noch ein paar Jahre tätowiert und versucht, neue Kundschaft zu gewinnen, aber es war echt schwer, wieder auf die Beine zu kommen. Letztes Jahr habe ich eine Pause gemacht. Ich wollte trotzdem etwas mit Tattoos machen, weil ich die Community und die Branche liebe, aber ich hatte keine Kundschaft. Ich musste etwas anderes probieren.
Ich bin zurück an die Uni und habe einen Master in Kunstgeschichte namens The Creative Practice am Make Happen Institute (makehappeninstitute) gemacht. Ich würde es als BWL-Studium für Kreative beschreiben. Ein Teil läuft online, ein Teil in Schweden, ich darf also ein paar Mal im Jahr nach Schweden! Daraus hat sich dann die Idee mit den Kunstausstellungen entwickelt.
Erzähl uns von der aktuellen Ausstellung.
Ich habe mit dem Mansfield Museum zusammengearbeitet, das bei mir in der Nähe ist. Und oben in Liverpool gibt es ein kleines Tattoomuseum (liverpool_tattoo_museum). Es hängt am Studio des Besitzers und zeigt Dinge, die er seit Jahren sammelt. Da gibt es jede Menge fantastisches Zeug. Mit der zeitgenössischen Kunst, mit der ich gearbeitet hatte, und seinen gesammelten Artefakten konnten wir etwas über die Sozialgeschichte des Tätowierens auf die Beine stellen.
Weil Mansfield eine Bergbaustadt ist, habe ich mich stark auf die Arbeiterklasse konzentriert. Viele Tattoos von Bergarbeitern tauchen auf Fotos gar nicht auf. Bergleute haben sich tätowieren lassen, um Tuberkulose-Wunden zu überdecken, damit sie weiterarbeiten konnten [TB-Bakterien können Geschwüre, offene Stellen und andere Hautprobleme verursachen]. Wer zu viele TB-Narben hatte, wurde vom Vorarbeiter gefeuert, damit die Firma den Familien im Todesfall keine Entschädigung zahlen musste.

Was ist das Seltsamste oder Faszinierendste, das du entdeckt hast?
Bei meiner Recherche bin ich auf jede Menge spannende Sachen gestoßen! Wir wissen zum Beispiel, dass George V., der frühere König, und Nikolaus II., der russische Zar, beste Freunde waren. George V. hat sich tätowieren lassen: Wir haben Fotos der Tagebuchseite, und daraus geht ziemlich klar hervor, dass er und Nikolaus II. sich passende Tattoos stechen ließen. Ein riesiger Drache den Unterarm hinunter. 1902 haben die sich also Freundschaftstattoos geholt! Das finde ich großartig.
Es gibt auch konservierte menschliche Haut von etwa 1860, aus der Zeit des Zweiten Opiumkriegs. Da sagen die Leute immer: „Das ist schon ein bisschen gruselig.“ Es ist ein kleines Stück in einem Glas mit Öl. Und Tattoomaschinen aus aller Welt. Tebori-Nadeln aus Japan, eine Walknochennadel aus dem 18. Jahrhundert mit Rußschwarz-Flecken und ein polynesischer Meißel von etwa 1840. Richtig viel cooles Zeug. Einer meiner Favoriten ist eine Maschine mit Uhrwerk von 1852. Sie sieht aus wie ein silberner Stift mit einer riesigen Taschenuhr dran. Man zieht sie auf, und dann bewegt sich die Nadel. Damit würde ich zu gern mal tätowieren. Es gibt auch viel zeitgenössische Kunst, alles von Artists im American-Traditional-Stil.
In der Ausstellung ist konservierte menschliche Haut in einem Glas von etwa 1860 zu sehen.
Hast du jemals gedacht, Galerien würden keine Tattookunst zeigen wollen?
Weißt du was, ja, habe ich. Ich hatte eigentlich keinen echten Grund dafür, aber ich war überzeugt, dass Galerien keine Tattookunst wollen. Ich dachte, die sind das Problem. Die Kunstwelt mit großem K, das ist das Problem. Und Tattoo-Artists sind großartig. Aber als ich angefangen habe, mit Galerien zu arbeiten, hieß es: „Ja, das ist Kunst. Lass uns was draus machen!“

Was ist das Beängstigendste daran, Künstler zu sein?
Lange Zeit war das Beängstigendste für mich, meine Arbeit überhaupt zu zeigen. Du steckst Stunden über Stunden rein und denkst, die Leute sagen: „Ja, das ist Mist.“ Inzwischen fällt mir das total leicht. Heute ist eins der beängstigendsten Dinge, ein „Ja“ von einer Galerie zu bekommen. Dann denke ich: „Oh, jetzt muss ich wirklich was liefern!“
Wie können die Leute dich am besten unterstützen?
Ich bin gerade mit dem Arts Council im Gespräch, um die Ausstellung national und international auszuweiten. Es wäre toll, wenn der Arts Council Unterstützungsbekundungen aus der Öffentlichkeit annehmen würde, so nach dem Motto „Ja, wir wollen das“, aber leider tun sie das nicht!
Aber weißt du, lasst euch einfach weiter tätowieren, wenn ihr Lust habt. Wenn ihr einen guten Artist habt, schwärmt von ihm. Genauso, wenn ihr einen schlechten habt: Nicht um ihn öffentlich bloßzustellen, aber in der Branche kann ein faules Ei alles verderben. Ich will die Leute einfach ermutigen, die Community voranzubringen und ihr zu helfen, zu wachsen.
Letztes Wochenende war ich wieder bei Dan und habe gefragt: „Kann ich noch mal eine Ausbildung bei dir machen?“ Jetzt arbeite ich drei, vier Tage die Woche mit ihm, sozusagen als Auffrischung. Da stehe ich gerade. Ich sage Bescheid, wenn ich wieder voll tätowiere, und würde mich riesig freuen, wenn ihr alle vorbeikommt. Das wäre fantastisch! Bleibt dran.
Die Ausstellung Miners, Misconceptions and His Majesty war kostenlos und lief bis Samstag, 29. März, im Mansfield Museum. Folge Sean auf Instagram: @seancolgrave