Die nepalesische Tätowiererin Sumina Shrestha über gebrochene Klischees, Kraft durch Tinte und eine Karriere, die sich der Tradition widersetzt.

In einem Land, in dem Tattoos für manche immer noch ein Tabu sind, vor allem bei Frauen, bricht Sumina Shrestha leise mit den Konventionen. Von ihrer Liebe zur Kunst als Kind bis zum eigenen Tattoostudio in Kathmandu: Ihr Weg als Tätowiererin in Nepal ist geprägt von Durchhaltevermögen, Leidenschaft und Stolz auf ihre Kultur. In dieser sehr persönlichen Geschichte erzählt Sumina, wie ein einziges Gespräch mit ihrem Vater alles verändert hat und warum sie heute die nächste Generation von Tätowiererinnen in Nepal stärken will.
„Eines Tages habe ich meinen Vater gefragt, ob ich mit dem Tätowieren anfangen soll, ob ich es überhaupt lernen soll“, erzählt sie. „Seine Antwort hat für mich alles verändert. Er sagte: ‚Es gibt in Nepal nur sehr wenige Tätowiererinnen. Ich finde, du solltest es machen.‘ Mehr Motivation brauchte ich nicht.“
Diese Ermutigung ihres Vaters wurde zum Fundament für einen Weg voller Entschlossenheit, Kreativität und stiller Rebellion. „Natürlich hat mich nicht jeder unterstützt“, sagt Sumina.
„Viele Leute hatten ihre Meinung dazu, vor allem weil Tätowieren hier nicht immer als ‚seriöser‘ Beruf gilt. Aber ich habe mich entschieden, auf die Menschen zu hören, die mich ermutigt haben, und nicht auf die, die an mir gezweifelt haben.“
Trotz aller Zweifel um sie herum hatte Sumina schon immer gern Kunst gemacht. Sie wusste nur noch nicht, wohin damit.
„Ich zeichne, seit ich ein Kind bin, und nach der Schule habe ich Bildende Kunst studiert. Das hat Spaß gemacht, aber ich wusste nicht, welcher Beruf mich am meisten begeistern würde. Ich habe nach etwas gesucht, das meine Leidenschaft wirklich entfacht. Dann habe ich über Freunde vom Tätowieren erfahren, und es hat mich sofort fasziniert.
„In einem Land, in dem Frauen oft schwer gleiche Chancen bekommen, hatte ich das Gefühl, dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen.“
Aber ihre Leidenschaft zu finden war erst der Anfang. Der Weg danach war voller Herausforderungen, die ihr Selbstvertrauen und ihren Einsatz auf die Probe stellen sollten.
„Nepal ist immer noch eine männerdominierte Gesellschaft, und an Frauen werden viele kulturelle Erwartungen gestellt“, sagt Sumina. „Es gibt zwar Fortschritte, aber bis Klischees wirklich aufgebrochen sind, ist es noch ein weiter Weg.
„Es ist immer noch unangenehm, mich frei mit meinen Tattoos zu zeigen. Manche schauen mich stolz an, andere missbilligend. Aber ich habe gelernt: Wenn du dich auf das Negative konzentrierst, siehst du immer nur Hindernisse.
„Stattdessen habe ich mich auf die Liebe und Unterstützung konzentriert, die ich bekommen habe, und bin weitergegangen. Wenn du dich nicht von Negativität bestimmen lässt, kommst du irgendwann an einen Punkt, an dem du stolz auf das bist, was du aufgebaut hast. Dann kommt der echte innere Frieden.“

Es gab viele harte Momente, aber eine der größten Herausforderungen war laut Sumina schlicht, sich die Materialien und das Equipment fürs Tätowieren leisten zu können.
„Meine Eltern waren finanziell nicht besonders gut aufgestellt, und Tätowieren braucht viel teures Material. Aber meine Leidenschaft und mein Traum waren so groß, dass ich alles dafür tun wollte.
„Ich habe angefangen, Auftragsbilder zu malen, und jeden Cent gespart, den ich konnte. Stück für Stück habe ich mir jedes einzelne Material und jedes Gerät für mein Studio selbst finanziert. Bis alles komplett war, hat es Jahre gedauert. Im Rückblick bin ich stolz auf mich, dass ich diese Zeit durchgezogen habe.“
Mit Ausdauer und Selbstvertrauen hat Sumina nicht nur ihr Können ausgebaut, sondern auch einen Stil entwickelt, der in ihrer Identität und ihrem Erbe verwurzelt ist.
„Nepal hat ein so reiches kulturelles und künstlerisches Erbe, und ich spüre eine tiefe Verantwortung, das in meiner Arbeit zu ehren.
„Viele Menschen, Nepalesen wie Ausländer, kommen zu mir und wünschen sich Tattoos, die unsere Traditionen, Religion und Symbole widerspiegeln. Viele Reisende, die Nepal besuchen, wollen ein Stück unserer Kultur mitnehmen, und ich liebe es, Designs zu entwerfen, die mehr als nur Ästhetik bedeuten. Ob Mandala, Gottheit oder traditionelles Muster: Es ist etwas Besonderes, unser Erbe in bleibende Kunst zu übersetzen.
„Ich versuche immer, jedem Design meine eigene künstlerische Note zu geben und trotzdem zu respektieren, was meine Kundinnen und Kunden wollen. Ich höre mir gern ihre Ideen an, verstehe die Bedeutung dahinter und verwandle ihr Konzept dann in etwas, das ihre Vision und meinen Stil vereint. Egal ob kleines Tattoo oder großes, komplexes Stück: Ich will, dass alle mit etwas nach Hause gehen, das sie für immer schätzen.“
Für Sumina wurde das Tätowieren mehr als nur Kunst. Es wurde zu einem Weg, Verbindungen zu schaffen, andere zu stärken und leise die Regeln zu hinterfragen, mit denen sie aufgewachsen ist.
„Weil ich meine Termine privat vergebe, wird jede Session mehr als nur Tätowieren. Wir verbringen den ganzen Tag zusammen, erzählen uns Geschichten und essen manchmal sogar zusammen. Wenn die Session vorbei ist, fühlt es sich an, als hätten wir eine echte Verbindung aufgebaut.
„Ich will immer, dass sich meine Kundschaft wohl und gehört fühlt. Egal wie groß das Tattoo ist, sie sollen mit einer positiven Erinnerung daran nach Hause gehen. Denn am Ende bleibt das Tattoo für immer auf ihrem Körper, und ich will, dass sie es ansehen und einfach nur glücklich sind.“

Im Gespräch mit Sumina wird klar: Bei ihrem Weg geht es nicht nur um persönlichen Erfolg, sondern darum, wie sie die Zukunft für andere mitgestalten kann, vor allem für Frauen in ihrer Branche.
„Jeder Beruf kann Frauen stärken, wenn sie mit Leidenschaft dabei sind.
„Aber Tätowiererin in Nepal zu sein ist eine Herausforderung. Die Gesellschaft hat es noch nicht ganz akzeptiert, und die echte Prüfung ist, dranzubleiben, jeden Tag zu üben und die Selbstzweifel zu überwinden. Wer das schafft, kann mit diesem Beruf auf jeden Fall gesellschaftliche Normen verändern. Ich hoffe, dass sich mehr Frauen in Nepal trauen, Tätowiererin zu werden, und dass ihre Familien sie so unterstützen wie meine mich. Ich will Tätowiererinnen sehen, die frei arbeiten, ohne Angst vor Verurteilung.“
„Ich will in andere Länder reisen, vor allem in Asien und Europa, um von anderen Tattoo-Artists zu lernen und andere Kulturen und Traditionen kennenzulernen. Jeder Ort hat seine eigene Kunst, und ich möchte daran wachsen, das selbst zu erleben.
„Außerdem will ich Suminu Tattoo ausbauen und Chancen für angehende Tattoo-Artists schaffen, vor allem für Frauen in Nepal. Mit Ausbildungsplätzen und Mentoring will ich mehr Menschen helfen, selbstbewusst in diese Branche einzusteigen. Vor allem will ich meine Eltern stolz machen und andere inspirieren, ihrer Leidenschaft zu folgen, egal wie ungewöhnlich sie scheint.“
Folge Sumina Shrestha auf Instagram: @suminu.tattoo